Die Poesie des Unscheinbaren (Titelseite)

Zufälligkeit oder Kunst? In der Churer Rathaushalle ist derzeit eine weisse Fläche zu sehen. Einen unmittelbaren zweck scheint sie nicht zu erfüllen. Aber nur ein zufälliges Überbleibsel von Malerarbeiten ist die weisse Fläche auch nicht. Vielmehr handelt es sich bei dem Kreis um eine Installation von Remo Albert Alig. Der Künstler hat hier im Rahmen des Projektes „Heimat“ des Künstlerverbandes Visarte Salz aus dem Ligurischen Meer ausgestreut. Und was sich auf den ersten Blick so unscheinbar ausnimmt, entpuppt sich bald als reinste Poesie.

 

Von der Schönheit, ihrem Ende und einer Erinnerung

Man stellt sich vor: eine Nacht. Ihre Stille von leisem Wind durchdrungen. Schritte vielleicht. Ganz fern. Verlieren sich im Nirgendwo. Nun nur das beständige Summen des Lichts, Insekten in seinem Schein, flirren dem Gemäuer entlang. Sonst nichts. Nur kalter Stein, an dem stumm die Ewigkeit nagt. Sonst nichts. Nichts. Oder doch? Man durchschmeckt die Nacht, und die Lippen sind salzig. Aber vielleicht denkt man das auch nur, am Morgen, wenn das Weiss auftaucht auf dem Stein, der immer noch nicht verzehrt wurde und weiter den Boden der alten Rathaushalle von Chur bildet.

Zunächst ist's nur ein leichter Schimmer. Verwehter Schnee. Vielleicht. Dann, nur allmählich, zeichnen sich die Konturen eines scharf umrissenen Kreises ab, In seiner Mitte bleibt der Schimmer, die Schneewehen, aber stellenweise scheinen sie nun verkrustet, also doch Salz, und der feine Schimmer ist Staub weissen Goldes, alchimistisches Überbleibsel aus einer Vergangenheit, die ferner liegen muss als die vergangene Nacht. Aus einem fernen Einst vielleicht, als hier unter dem erhabenen Kreuzgratgewölbe (16.Jahrhundert) noch gefeilscht und gehandelt wurde. Oder als hier der Zoll war und Salz begehrte Schmuggelware (18.Jahrhundert). Konfisziert vielleicht und dann vergessen.

Erkenntnis bringt erst der Mittag. Die Schatten sind so schwarz wie die Nacht war, und aus dem blendenden Herbstlicht tritt jetzt einer hinein in das Dunkel der Rathaushalle und geht über den Salzkreis hinweg. Zurück bleibt seine Spur. Über den Rand der weissen Scheibe hinaus führt sie ins Nirgendwo. Zurück bleibt seine Spur, und damit auch eine flüchtige Gegenwart hier im Kreis, und er, der eben durch den weissen Moment hindurchgeschritten ist, weiss nichts davon.

So ist es, so hat es seine Richtigkeit. Denn dieser alchimistischen Fläche ist die weissen Unschuld genauso eingeschrieben wie der lilienfarbene Tod; Schönheit ist nicht ohne ihr nahendes Ende denkbar. Und so wird die Salzscheibe irgendwann ihre scharfen Konturen verlieren, irgendwann werden die Spuren sie ganz verwischen. Aber gerade dann wird der Kreis sich erst recht schliessen und die Kunst wieder Natur.

Denn die Geschichte dieser Salzscheibe und ihres kosmischen Kreislaufes geht so: Einer ging ans Ligurische Meer, schöpfte Wasser, liess es verdunsten und trug das Salz hier her, wo er es zur Scheibe ausstreute. Auf dass sich die Umgebung hier des Salzes wieder annehme, auf dass Saturn seine Tränen zurückbekomme. Und auf dass sich in der Flüchtigkeit dazwischen Momente reinster Schönheit ergeben. Das ist eine Geschichte wie ein Schöpfungsmythos, so uralt tönt sie. Ereignet hat sich die Geschichte freilich nahe der Gegenwart, und in ihr ist sie nun im Auflösen begriffen, jetzt im hier wird sie zum Mythos.

Kunst für die Ewigkeit ist es also nicht, was Remo Albert Alig hier geschaffen hat. Es ist Kunst, welche die Ewigkeit erahnen lässt. Vielleicht auch nicht. Dennoch so mancher wird fraglos über den Salzkreis hinwegschreiten. Vielleicht aber doch. Denn jeder Hinwegschreitende wird hier auch ganz unversehens Bestandteil eines kosmologischen Kreislaufs. Die Spuren eines jeden bleiben, bis sie sich in jenen der anderen verwischt haben und all die Erinnerungen eine einzige werden; eine Menschheitsgeschichte, die im stummen Lauf der Dinge verklingt.

Nachtrag: „...gestrandet...“ steht derzeit noch lesbar auf der Salzscheibe in der Churer Rathaushalle. Damit wird die Salzscheibe auch zu einem Emblem in der Tradition des späten Mittelalters und des Barocks, zu einem Sinnbild also, in dem leise vernehmbar ein Memento mori nachzuklingen scheint, wenn auch weniger vom Himmel her als von einem fernen Ufer. Aus einer Ferne vielleicht, in der noch die Poesie eines Arthur Rimbaud liegt. Denn Remo Albert Aligs Arbeit ist nicht zuletzt auch als Hommage an diesen Dichter zu verstehen, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 150.Mal jährt.

Text von Thomas Kaiser, Bündner Tagblatt 21. September 2004